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Radio Summit: Routenplaner 2012: Statement von Gerold Hug, Programmchef SWR3 & DASDING



Gerold Hug
Radio läuft doch prima. Warum jetzt Geld in eine digitale Zukunft investieren, die uns allen nicht geheuer ist, die wir allenfalls beobachten und analysieren aber nicht leben?

Die Situation in der Radiobranche erinnert mich fatal an die Lage der Musikindustrie kurz vor dem Jahrtausendwechsel. Das gelernte Geschäft mit CDs tat es damals noch - einigermaßen. Die gelernten Geschäftsmodelle auch. Klar, ein paar durchgedrehte Kids holten sich Ihre Musik aus dem Netz, luden sich nur noch die Spitzentitel und pfiffen auf das Füllmaterial auf den CD’s. Sie wollten Musik nicht mehr ‚besitzen’, sondern nur noch nutzen und das immer, sofort, überall und – möglichst umsonst. Der Rest ist Geschichte. Plattenläden sind verschwunden, CD-Absätze marginalisiert, einstige Branchenriesen untergegangen, fusioniert und immer noch auf der schmerzhaften Suche nach einer neuen Identität.

Radio läuft doch prima. Ja, bei Menschen jenseits der 50. Und weil wir alle immer älter werden, wird das auch noch eine Weile so bleiben. Bei den Jungen hingegen droht dem Medium – so wie wir es kennen - der völlige Bedeutungsverlust. Die Hörzeit und die Bindung an lineares Radio nehmen kontinuierlich ab.

Radio muss sich schlicht neu erfinden, wenn es nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Radio hat sich schon gegen das Massenmedium Fernsehen behauptet. Warum nicht auch gegen das Internet? Und warum überhaupt gegen das Internet und nicht mit ihm?

Das Internet hat Medien-Nutzungsgewohnheiten radikal verändert. Alles, immer, sofort, und überall. Einfach und an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert.

Lineare Radioprogramme müssen sich erst einmal auf ihre eigentlichen Stärken besinnen: Aktualität, regionale Verwurzelung, Interaktivität und vor allem Emotionalität. Darüber hinaus müssen wir die technischen Herausforderungen annehmen. Mal ehrlich, wer will denn noch bis zur vollen Stunde warten, bis er im Radio Nachrichten hören darf? Warum kommen die Staumeldungen erst, wenn man schon drinsteht? Und warum bin ich selbst schuld, wenn ich ein sensationelles Streitgespräch im Radio verpasst habe, nur weil ich gerade arbeiten musste?

Zeitunabhängige Nutzungsmöglichkeiten, Podcast via Broadcast, multimediale Dienste, Personalisierbarkeit und Interaktivität. Das sind die Standards, welche Radio im Wettbewerb mit anderen Medien künftig bieten muss und kann, nicht nur im Internet, sondern vor allem auf digitalen terrestrischen Verbreitungswegen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass das, was gemeinhin als ‚mobiles Fernsehen’ bezeichnet wird, noch am ehesten über starke Radiomarken ins Fliegen kommt. Denn Radiomacher sind Spezialisten in Sachen Nebenbeinutzung.

Radioprogramme müssen sich zu Medienmarken entwickeln. Die lineare Ausstrahlung wird nur noch ein Weg zum Kunden sein. Unsere Inhalte müssen dort hin, wo die Kundschaft ist: in soziale Netzwerke, auf Audio- und Viedeoportale, auf Handys, mp3-player.

Zusammen mit der Landesanstalt für Kommunikation und privaten Anbietern testet der SWR in Stuttgart in den nächsten Monaten die vielfältigen inhaltlichen Möglichkeiten, die das ‚Radio der Zukunft’ seinen Nutzern bieten kann.


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